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  Dresden − Stadtzentrum & Stadtteile

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Bürgerliche Reformen • Dresdner Maiaufstand • Historismus
(1828-1854)

Bürgerliche Reformen • Anfänge der Industrialisierung

Nach den Unruhen von 1830 kam das sächsische Volk in den Genuss bürgerlicher Reformen. Sachsen gab sich im Jahr 1831 eine neue Verfassung, die die Rechte des Königs und die Vorrechte der Stände beschnitt und den Bürgern ein (beschränktes) Wahlrecht einräumte. Die Kunstsammlungen und zahlreiche Schlösser gingen in Staatseigentum über. Die neue Ständekammer richtete sich im Jahr 1832 im Alten Landhaus ein.

Anfang 1831 gründete sich der Dresdner Bürgerverein, der im Namen der fortschrittlichen Dresdner Bürgerschaft politische Reformen sowie für die damalige Zeit sehr weit gehende bürgerliche Rechte und Freiheiten forderte: Anschluss Sachsens an einen deutschen Nationalstaat, allgemeines Wahlrecht, Gleichheit aller vor dem Gesetz, Freiheit der Person, des Eigentums, der Religion, der Presse, Rede und Versammlung, allgemeine Volksbewaffnung, Wahrung des Briefgeheimnisses, unentgeldliche Aufhebung aller Feudallasten, Trennung von Staat und Kirche sowie Gründung einer konstitutionellen Monarchie mit der Kammer der Volksvertreter als zentrales Machtorgan. Noch im April jenen Jahres wurde der Bürgerverein verboten. Etwa 90 Mitglieder wurden verhaftet und in der Neustädter Kaserne gefangen gehalten und verhört. Die Führer des Vereins Moßdorf und Bertholdi wurden zu 15 Jahren Haft verurteilt und zur Festung Königstein gebracht, wo sie bereits 1833 starben - offiziell durch Selbstmord, den Zeugenaussagen und Umständen zufolge jedoch durch Mord.

Im Jahr 1832 wurde die "Allgemeine Städteordnung" eingeführt. Die allgemeine Schulpflicht begann 1835, das erste Dresdner Einwohneramt eröffnete 1853 im Coselpalais.

Die Dresdner Gasbeleuchtung ging im Jahr 1828 in Betrieb.

In den Jahren 1836/37 konstruierte der Dresdner Erfinder Johann Andreas Schubert in Übigau das "Königin Maria" genannte erste Passagier-Dampfschiff, das die Oberelbe befuhr, sowie die erste funktionstüchtige deutsche Dampflokomotive "Saxonia". Schon 1837 nahm die Sächsisch-Böhmische Dampfschifffahrtsgesellschaft den Verkehr zwischen Dresden und Rathen auf, und ab 1839 fuhren Züge auf der ersten deutschen Eisenbahnfernverbindung zwischen Dresden und Leipzig.

Auch die deutsche Fotoindustrie nahm ihren Anfang in Dresden. Im Jahr 1839 begann der Optiker Friedrich Wilhelm Enzmann als einer der ersten in der Welt mit der Herstellung von Fotokameras. (Der Dresdner Kamerahersteller Pentacon, der dann ab 1887 zunächst als Kamerafabrik Richard Hüttig firmierte, war einer der Pioniere dieser Branche und 1906 der größte Kameraproduzent Europas. Pentacon brachte 1936 die weltweit erste Spiegelreflexkamera auf den Markt.)

Hermann Krone, der an der Kunstakademie bei Ludwig Richter studiert hatte, fertigte im Jahr 1853 die ersten Landschaftsfotografien in der Sächsischen Schweiz an. Im Jahr 1869 gründete er dann die Photografische Gesellschaft zu Dresden.

Vollendung des Abbruchs der Stadtfestung und schnelle Ausbreitung der Stadt

Schon im 18. Jahrhundert war der Schutz einer Stadt durch Festungsanlagen zweifelhaft geworden - nicht zuletzt infolge der rasanten Entwicklung der Artillerietechnik. Schon beim Bau des Zwingers und der Katholischen Hofkirche waren die Bastionen durchbrochen worden. Auf dem Außenwall wie auch auf Bereichen des Hauptwalls hatte man Häuser errichtet und Gärten angelegt.

Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) wollte der Landesherr die Festungswerke abtragen lassen und Dresden zur offenen Stadt erklären. Diesen Plänen wurde jedoch nicht weiter nachgegangen. Damals hätten auch die Finanzmittel dafür gefehlt.

Kaiser Napoleon I. verlangte den Abbruch der Dresdner Befestigungswerke. Dieser begann im Jahr 1806 in der Neustadt und um 1809 unter der Leitung von Oberst Backstroh in der Altstadt, wurde allerdings erst ab 1817 auf Drängen großbürgerlicher Kreise energischer vorangetrieben und zog sich mit Unterbrechungen bis 1829 hin. Nur in der Neustadt kamen die Arbeiten schon um 1817 im wesentlichen zum Abschluss.

Von der Altstädter Festung blieb wenig erhalten: die Brühlsche Terrasse mit der Jungernbastion, der Zwingerwall sowie einiges Mauerwerk an den Zwinger-Langgalerien und am Elbufer westlich der Augustusbrücke. Diese Reste fügen sich heute recht unauffällig in das Stadtbild ein.

In der Neustadt wurde das ehemalige Festungsgelände nach Plänen von Gottlob Friedrich Thormeyer, einem Vertreter des klassizistischen Städtebaus, bis 1831 fast vollständig neu bebaut. Heute erinnert nur noch der Wall am Japanischen Palais an die Neustädter Festungswerke. Am ehemaligen Schwarzen Tor entstand ein Sternplatz (der spätere Albertplatz) als neuer Verkehrsknoten, von dem nun wichtige Straßen der wesentlich vergrößerten Neustadt ihren Ausgang nahmen. In der Antonstadt gestaltete Thormeyer neue Wohnanlagen in einem reizvollen Stilgemisch aus Klassizismus und Biedermeier.

Nach dem Wegfall der Festungswerke breitete sich die Stadt ab 1829 schnell aus. Der Bereich der ehemaligen Altstädter Festungsanlagen blieb zum Teil frei von Bebauung, zum Teil errichtete man hier Häuser im Landhausstil - Vorläuferbauten der Villen des 19. Jahrhunderts. Im Bereich des abgetragenen Festungswalles (vom späteren Postplatz über die Wallstraße und den Georgplatz bis zur Auffahrt der Carolabrücke) entstand eine breite Ringstraße, jedoch leider kein begrünter Promenadenring wie in anderen Städten auf den Flächen der abgebrochenen Stadtmauern.

In den zusammenwachsenden Vorstädten hatte die intensive Bebauung schon lange vor dem Abbruch der Stadtfestung eingesetzt. Als die Festung fiel, waren die außerhalb gelegenen Bereiche bereits dicht bebaut. Der Pirnaische Platz und der Postplatz entwickelten sich zu wichtigen Verkehrsknotenpunkten der Dresdner Altstadt.

Im Bereich des abgetragenen mächtigen Wilsdruffer Tores baute man im Jahr 1832 das Postgebäude, das dem Postplatz den Namen gab. Später hieß es Telegraphenamt. Anstelle des abgetragenen Festungswalles und auf dem zugeschütteten Stadtgraben legte man die Wallstraße und die Marienstraße an.

Historismus • Gottfried Semper

Ab 1830 setzte sich in Dresden langsam der Baustil des Historismus durch, der dann gegen Ende des Jahrhunderts die Monumentalität entwickelte, wie sie im Finanzministerium, im Gesamtministerium und in der im Jahr 1894 fertiggestellten Kunstakademie an der Brühlschen Terrasse zum Ausdruck kommt. Der Stil wurde später oft als nationalistisch und als Ausdruck der Überheblichkeit des kaiserlichen Deutschlands verurteilt. Im Falle einiger monumentalistischer Fehlgriffe mag das zutreffen. Doch dieser Rückgriff auf vergangene Bauepochen wie Gotik, Renaissance und Barock lässt sich nicht auf einen solchen politischen Bezug einengen. Auch die großartigen Bauwerke von Gottfried Semper sind Ausdruck dieses Stils.

Gottfried Semper (1803-1879) kam 1834 nach Dresden. Vorher war er in Frankreich, Griechenland und Italien tätig gewesen. Ab 1839 lehrte er als Professor für Baukunst an der Kunstakademie. Er bevorzugte den Baustil der Neorenaissance nach italienischen Vorbildern. In seiner Dresdner Schaffensperiode bis 1849 errichtete er unter anderem das Erste Hoftheater und die Dresdner Synagoge. Auch die Antikensäle im Japanischen Palais wurden von ihm ausgestaltet. Im Jahr 1855 zog die Gemäldegalerie in den nach seinen Plänen errichteten, später Sempergalerie genannten Galerie-Neubau ein, der nun die Elbseite des Zwingers schloss.

Im Jahr 1839 baute Gottfried Semper in der Holzhofgasse am Neustädter Elbufer für den Bankier Oppenheim (aus dem Bankhaus Kaskel-Oppenheim ging 1872 die Dresdner Bank hervor) die großartige Villa Rosa (das Gebäude fiel den Bombenangriffen im Februar 1945 zum Opfer). Diese auf Rustikaquadern ruhende Villa mit auffallendem Mittelrisalit und einer Terrasse zeigte einen neuen Villentypus nach dem Vorbild der Genueser Paläste und der oberitalienischen Villenarchitektur von Andrea Palladio.

Villa Rosa

Bild: Villa Rosa (nach einer alten Fotografie, verändert)


Auch das zwischen 1845 und 1848 an der Bürgerwiese für Oppenheim gebaute Stadtpalais (Palais Oppenheim, 1945 zerstört) gehört zu den Arbeiten Gottfried Sempers. Nach dem Vorbild des aus dem 16. Jahrhundert stammenden Palazzo Pandolfini in Florenz war es im Stil der Neorenaissance mit einer kraftvoll gegliederten Hochrenaissance-Fassade gestaltet.

Die von Semper begründete Dresdner Schule der Villenbaukunst breitete sich über ganz Deutschland aus und blieb auch in Dresden noch lange maßgebend. Durch das Wirken von Sempers Schüler und Nachfolger Georg Hermann Nikolai erfuhr diese Villenbaukunst, vor allem beim Aufbau der Dresdner Vorstädte, eine bedeutende Weiterentwicklung.

Gottfried Semper nahm sich auch des Gebietes zwischen Zwinger, Elbe und Residenzschloss an. Eigentlich wollte er den alten Forumsplan von Pöppelmann verwirklichen, d.h. den zu dieser Zeit an der Elbseite offenen Zwinger mit zwei Flügeln bis zur Elbe erweitern. An der Schlossseite sah Semper die Gemäldegalerie vor, am gegenüberliegenden Flügel eine Orangerie und ein Theater. Die klassizistische Altstädter Wache wollte er an das Elbufer versetzen, damit sie dort, freistehend, die Anlage abschließt. Dieser großartige Plan scheiterte jedoch am Wiederspruch der Dresdner Behörden und an finanziellen Problemen, so dass nur das Hoftheater und der Neubau der Gemäldegalerie (Sempergalerie, 1847-1854) zur Ausführung kamen. Die Sempergalerie verschließt seitdem die Elbseite des Zwingers, wo es vorher nur eine Mauer gab. Hierdurch entstand der Theaterplatz als ein von großen repräsentativen Gebäuden sehr unterschiedlicher Baustile umgebener Raum: dem Residenzschloss (Renaissance), der Hofkirche (römischer Spätbarock), der Altstädter Wache (Klassizismus), der Sempergalerie (Neorenaissance) und der Semperoper (Neorenaissance).

Das ab 1838 gebaute Königlich-Sächsische Hoftheater (Sempers Erstes Hoftheater) eröffnete im Jahr 1841 mit Carl Maria von Webers "Jubel-Overtüre" und Goethes Schauspiel "Torquato Tasso". (Das bürgerliche Gegenstück dazu war das beliebte Volkstheater am Linckeschen Bade in der Neustadt.) Schon 1869 verbrannte das Hoftheater infolge einer Nachlässigkeit und wurde ab 1871 durch Sempers Zweites Hoftheater (später Semperoper genannt) an einem von der Sempergalerie etwas weiter abgerückten Standort ersetzt. Im Jahr 1878 eröffnete dieser Neubau mit Goethes "Iphigenie". Bis dahin hatten die Opernaufführungen in einem eilig errichteten Interimsbau stattgefunden (von den Dresdnern "Bretterbude" genannt).

Dresdner Maiaufstand 1849
Beteiligung von Gottfried Semper und Richard Wagner

König Friedrich August II. von Sachsen (reg. 1836-1854) bestieg im Jahr 1836 den Thron. Der anfänglich recht liberale Regent betrieb dann eine immer konservativere Politik. Im Jahr 1845 verbot er alle politischen Vereine. Seine Ablehnung der Frankfurter Paulskirchenverfassung (der gemäßigten Reichsverfassung der Nationalversammlung) und die Auflösung des sächsischen Parlaments führten schließlich am 3. Mai 1849 zum Dresdner Maiaufstand. Die königliche Familie und ein Teil der Regierung flohen auf die Festung Königstein. In Dresden formierte sich eine provisorische Regierung. Vom 5. bis 9. Mai tobte der bewaffnete Kampf zwischen etwa 3000 Aufständischen und etwa 5000 sächsischen und preußischen Soldaten in den Straßen.

Maiaufstand 1849 - Große Barrikade in der Wilsdruffer Gasse

Bild: Dresdner Maiaufstand 1849 - Große Barrikade in der Wilsdruffer Gasse (nach einer Grafik von C. W. Arldt)


Am Maiaufstand nahmen wie viele andere Dresdner Intellektuelle und Künstler auch der Baumeister und Professor für Baukunst an der Kunstakademie Gottfried Semper und der Komponist und Hofkapellmeister Richard Wagner teil. Die zwischen dem 3. und dem 9. Mai 1849 in der Wilsdruffer Gasse gebaute uneinnehmbare Hauptbarrikade war unter Sempers Leitung errichtet worden. Der Baumeister selbst befehligte die Barrikade Nr. 13 in der Waisenhausstraße unweit seiner Wohnung. Richard Wagner saß in der Nacht vom 5. zum 6. Mai auf dem Turm der Kreuzkirche und meldete den Aufständischen die Truppenbewegungen vor der Stadt.

Das sächsische Militär verfügte in Dresden nur über eine geringe Truppenstärke (es stand damals zusammen mit dem bayrischen Militär in Schleswig-Holstein), deshalb rief die Regierung preußisches Militär zur Unterstützung herbei. Der Aufstand scheiterte infolge der schlechten militärischen Ausrüstung der Aufständischen und der nur geringen Unterstützung durch bürgerliche und andere Kreise der Bevölkerung. Nach der Niederschlagung des Aufstandes am 9. Mai durch das sächsische und preußische Militär (wobei 75 Opfer zu beklagen waren) mussten Gottfried Semper und Richard Wagner wie viele andere Teilnehmer aus Sachsen fliehen. Etwa 870 Teilnehmer wurden verhaftet, etwa 250 von ihnen zu langjährigen oder lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt. Mehrere der zu langen Haftstrafen verurteilten Führer des Aufstandes wie August Röckel, Otto Leonhard Heubner und Michail Bakunin kamen auf die Festung Königstein. Bakunin wurde später an Österreich ausgeliefert, die anderen Gefangenen in die Haftanstalt Waldheim gebracht. Zwischen 1860 und 1862 wurden sie begnadigt und aus der Haft entlassen.

Richard Wagner fand in Ludwig II. von Bayern einen Gönner, dem auch das Festspielhaus und die Musik-Festspiele (Wagner-Festspiele) in Bayreuth zu verdanken sind. Der Klang der Dresdner Hofkapelle blieb Wagner dabei immer im Ohr, wie er später schrieb.

Gottfried Semper wurde noch 15 Jahre lang von der sächsischen Polizei steckbrieflich gesucht. Zum Neubau des Hoftheaters (der Semperoper) zwischen 1871 und 1878 kehrte er nicht mehr nach Dresden zurück. Die Arbeiten wurden von seinem Sohn ausgeführt. Allerdings hatten sich progressive Kräfte in Dresden soweit gegen die konservative Administration durchgesetzt, dass sie Gottfried Semper in der Ferne mit der Projektierung des Neubaus beauftragen konnten. Semper verbrachte seinen Lebensabend in Rom, wo er 1879 starb.

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